PRESSE

Österreichische Ärztezeitung Nr. 9 / 10.05.2005
Verhalten gezielt ändern - Bei der Hypnose werden Selbstheilungskräfte der Patienten aktiviert. Es kommt zu einer Änderung der Einstellung und in der Folge zur gewünschten Verhaltensänderung. Von Doris Simhofer

Eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Salzburg unter der Leitung von Matthias Mende, Vizepräsident der Europäischen Gesellschaft für Hypnose (ESH), ergab, dass  67 Prozent der befragten Bevölkerung mit dem Begriff Hypnose eine Reihe von Fehlannahmen verbinden, wie etwa dass man im Zustand der Trance Handlungen gegen den eigenen Willen befolge oder sich nicht mehr an das Geschehene erinnern könne. Studienleiter Mende: “Im tiefsten Trancezustand werden lediglich solche Suggestionen befolgt, die im Einklang mit dem inneren Wertesystem einer Person stehen, auch die Erinnerung an das Geschehene bleibt in den meisten Fällen gut erhalten”.

Univ. Prof. Henriette Walter, Spezialistin für Hypnose an der Universitätsklinik für Psychiatrie am AKH Wien sowie im wissenschaftlichen Beirat der Internationalen Gesellschaft für Hypnoseforschung tätig, beschäftigt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit Hypnose, in jüngster Zeit hauptsächlich mit dem Bereich “Sucht”. “Hypnose beruht auf der Fähigkeit des Menschen, unter bestimmten Bedingungen, wie Monotonie oder dem Dominieren einzelner Vorstellungen oder einzelner Emotionen „mit einer Bewusstseinsveränderung zu reagieren”, so Walter.

Aufmerksamkeit auf eigenes Empfinden
“Hypnose ist eine, in hypnotischer Situation künstlich hervorgerufene, Trance. In diesem Trancezustand  werden Suggestionen von den Patienten effizienter verarbeitet ”, erläutert die Expertin. Dadurch ist das Erleben auf einzelne Vorstellungen oder Empfindungen fokussiert, da eine Einengung der normalerweise breiten, aber flachen Aufmerksamkeit zu einer Erhöhung der Aufmerksamkeit auf das eigene Erleben führt. Doch Trance ist nicht gleich Trance. Walter: “Es gibt verschiedene Trancearten, wie zum Beispiel Spontantrance, Ethnologische Trance, wie etwa Rituale der Medizinmänner, Hypnotische Trance, Meditation, aktiv-Wachtrance und vieles mehr.”
Das Kennzeichen einer Hypnose - die Trance - ist ein veränderter Bewusstseinzustand, der aber auch im Alltag vor allem bei Monotonie vorkommen kann (ins Narrenkastl schauen). Trance ermöglicht  innere Vorstellungen, die sich in ihrer Intensität von denen - in einer wachen, bewussten, kognitiv dominierten Verfassung erlebten - unterscheiden. “Hypnose ist demnach eine Kommunikationsmethode, die es ermöglicht, sich in den veränderten Bewusstseinszustand der Trance zu begeben“, ergänzt Mende. “Wichtig dabei ist jedoch die vertrauensvolle Beziehung zwischen Patient und Therapeut, denn in Trance kommt es zu Veränderungen im Erleben, wie etwa einer veränderten Körperwahrnehmung”, unterstreicht der Fachmann.
Hypnose hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Bereichen als hilfreich erwiesen: bei Suchtproblemen, Übergewicht oder in der Schmerztherapie hat die wissenschaftlich fundierte Hypnose ihre Spuren hinterlassen. Walter und Mende unisono: “Hypnose wird auch bei Depressionen, allen Arten von Ängsten, bei Panikattacken, Zwangsstörungen und psychosomatischen Leiden erfolgreich eingesetzt.” Auch Schlafstörungen, Sprachstörungen, Essstörungen, Abhängigkeiten und psychisch bedingte sexuelle Funktionsstörungen lassen sich hypnotherapeutisch behandeln. Mende: “Ein weiteres Erfolg versprechendes Anwendungsfeld sind akute seelische Belastungsreaktionen bei schwer zu verkraftenden Erlebnissen oder Lebensumständen.” Auch in kritischen Lebenssituationen kann Hypnose Abhilfe schaffen. Mende: “In der Hypnosetherapie werden die Selbstheilungskräfte der Patienten aktiviert. Dadurch werden starre Handlungs- und Erlebnismuster durchbrochen  und der Zugang zu neuen, bisher unbewussten Potenzialen eröffnet. Der Patient soll eine seelische Stärkung erfahren und innerlich befriedigende Lösungen für sich finden.”
“Schlank durch Hypnose” oder “rauchfrei durch Hypnose” klingt sehr plakativ, ist jedoch eine fundierte wissenschaftliche Methode, weiß Henriette Walter. “Abnehmen durch Hypnose beruht auf wissenschaftlichen Untersuchungen des in den USA erforschten Prinzips “relief & reward”. Die Einstellung von Übergewichtigen zum Essen als Entlastung oder Belohnung, wie es die beiden Begriffe bezeichnen, ist oft eine Folge des mentalen Kontrollverlustes”, so Walter. Mittels Hypnose lässt sich die verlorene Kontrolle wieder herstellen. Diese Grundannahme gilt auch bei der Therapie von Suchtkrankheiten oder Schmerzen.

Hypnose-Forschung
In Österreich arbeiten Wissenschafter seit rund 20 Jahren im Bereich Hypnose. Wien hat sich zu einem internationalen Zentrum in punkto Hypnose-Forschung entwickelt. Der derzeitige Focus liegt dabei auf den Bereichen “Abnehmen mit Hypnose” und “Alkoholentzug mit Hilfe von Hypnose”. Nach einer einzigen Hypnosesitzung verliert man jedoch noch keine Kilos oder ist nicht von Sucht befreit. “Die Hypnose bewirkt vielmehr eine Einstellungsänderung“, so Walter. Als Folge der Behandlung ersetzt der Patient den Begriff  ‚Essen’ durch ‚Ernährung’. „Was eine völlig andere innere Bedeutung hat“, wie Walter betont. Zuerst versucht man herauszufiltern, mit welchen Sinnen – abgesehen vom Geschmackssinn - ein Patient seine Umwelt bevorzugt wahrnimmt. Einem optischen Typ bietet man in der Hypnosesitzung eher Entspannung mit Hilfe von visuellen Vorstellungen an. In der Folge müssen die Persönlichkeitsanteile und der sogenannte “Locus of Control” ermittelt werden. Ein Beispiel für einen externen Locus of Control ist, wenn jemand oft zu spät kommt und die Schuld dafür immer der U-Bahn gibt. Das Gleiche gilt für die Erklärung, dick aufgrund von Vererbung zu sein. “Ich versuche mit den Patienten gemeinsam zu erarbeiten, dass ihr Übergewicht nicht einfach Schicksal ist. Durch spezielle Suggestionen, wie “mit der Sicherheit, mit der täglich die Sonne auf- und untergeht, haben Sie zugenommen und werden auch wieder abnehmen”, setze ich in der bewussten Schiene eine Änderung in Gang, während ich in der unbewussten Schiene mit Veränderung der alten Muster arbeite. In die Computersprache übersetzt heißt das, dass gewissermaßen zwei Dateien offen sind.”

Keine unerwünschten Nebenwirkungen
Das individuelle Tempo, bis eine solche Therapie fruchtet, ist unterschiedlich. Der Patient erhält eine Hypnose-Sitzung, die auf Tonband aufgenommen wird. Diese sollte er zu Hause täglich allein absolvieren, erst dann beginnt sich die Einstellung und damit auch das Essverhalten zu ändern. Hypnose hat den Vorteil, dass unerwünschte Nebenwirkungen mit Sicherheit auszuschließen sind. In einer Versuchsreihe konnte nachgewiesen werden, dass mittels Hypnose sogar die Wirkung eines Medikamentes aufgehoben werden kann. Man hat heraus gefunden, dass Hypnose auf bestimmte Neurotransmitter wirkt. Weitere klinische Studien werden zeigen, wie diese Therapie in der Alkohol-Entwöhnung, Raucherentwöhnung oder der Schmerztherapie wirkt. Die Nachhaltigkeit des Erfolges einer solchen Therapie richtet sich jedoch auch danach, wie konsequent der Patient das Verfahren anwendet. Auf jeden Fall gibt es  - wissenschaftlich nachgewiesen – nicht den bei Diäten üblichen Jojo-Effekt. Denn die Behandlung bewirkt, dass eigene, innere Fähigkeiten dazu verwendet werden, Suchprozesse einzuleiten, die zu einem neuen Verhalten führen.

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