IMPRESSIONEN

Zur Person: heute 55jährig, ich hatte seit ich 14 Jahre alt war -  40 Jahre lang - Bulimie.
Mit den Jahren kamen Depressionen und Panikattacken dazu, später noch ein sehr störender, beidseitiger Tinnitus.
Am Weg der Bewältigung, des Fassens des Schreckens und der Entsetzlichkeit half mir, neben verschiedenster Therapien, auch immer wieder zu schreiben.
Für Frau Mag. Danneberg empfinde ich tiefe Dankbarkeit. Die Therapie hat mich doch dem Leben wieder zurückgegeben.

Danneberg: Ich bin auch dankbar, Sie auf dem Weg begleitet zu haben und verspüre tiefe Freude, dass Sie nunmehr ein erfülltes und zufriedenes Leben ohne Bulimie leben können! Ihre Texte haben mich immer wieder sehr berührt, Ihre Kreativität und Fähigkeiten, die schon immer da waren im therapeutischen Prozess zum Ausdruck zu bringen, deshalb möchte ich sie gerne anderen zugänglich machen!

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Verlorenheit                                                                                                    

das gefühl, nicht dazu zu gehören
zu dieser familie
und doch den brennenden wunsch zu verspüren

mich fremd fühlen im gelächter,
einen schritt neben den scherzen zu stehen.

So viel erwartung,
sie sind nicht perfekt.
Tant pis!

Ich kotz es nicht mehr ins klo
ich schreibe auf
mag sein, erst nach dem zu viel essen
es wird besser

es ist mein weg
tastend setze ich vorsichtig
schritt vor schritt
in das nebelland
meiner zukunft

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unbenannt

unerwartet, ungebeten
unverhofft, unmittelbar
ungestüm und unvermutet
unberechenbar

gesehen, gekommen
geredet, gelacht
geliebt und getröstet
geschichte gemacht

vergebens, vergangen
vermisst, vertan
verloren und verschwunden
vergessen? verrückt!

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Trunken

einen schluck genommen
von der vergangenheit
vom ewigen vergessen

einen schluck der beflügelt
der klarer sehen lässt
den schleier hebt

der letzte schluck

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Tinnitus      

rauschen pfeifen dröhnen
hoch tief
links und rechts
laut und leise
ein ton ein akkord

die grenze des erträglichen
ständig neu auslotend

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Perlen

Manchmal
tropfen perlen
von meinen lippen

meine hand
fädelt sie
aufs geduldige papier

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Mein bauch        

stattlich,
angewachsen über die jahre
einmal gefüllt mit leben, das ich austragen durfte
mittlerweile nur karikatur

mein bauch

wabbelnd,
vorspiegelung falscher tatsachen
gefüllt mit dem fett ewiger sehnsucht
sichtbar gemacht

mein bauch

zerfleischen
den schmerz und die wut
wollte ich ein messer in dich rammen
in tiefster verzweiflung

mein bauch

gehalten
heute
bist du mir nun zentrum
quelle der kraft

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das meer der tränen

tief in mir, am grunde sozusagen,
liegt das meer der tränen.
dunkel sind die wasser, tiefschwarz,
niemals legt die sonne der freude
einen freundlichen glanz darauf.

ich wate durch schwarzen teer.
jeder schritt, jeder gedanke ist zäh
und klebrig,
noch kaum fertig gedacht schon vergessen,
zurückgezogen, versunken.

der wunsch nach weinen ist stark,
den augen gelingt nur ein röten und brennen.

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Auster

ich bin die auster,
raue schale, weicher kern.
Ich lebe im verborgenen
außen toter stein,
innern pulsierendes leben.
Nicht leicht zu sehen,
nicht leicht zu knacken,
tief drinnen die perle.

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Wenn

wenn das ewige graben
das immer tiefer bohren
das nicht nachlassen
im wissen, das da noch etwas ist

wenn das dann gefunden
entdeckt
heraufgeholt
das unaussprechliche in worte gefasst ist

Dann

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Zitat: Danneberg

Sich selbst und dem Gegenüber unmittelbar und echt zu begegnen, hinzugeben ist wohl das größte Abenteuer auf der Reise ins oftmals Unbekannte.

"Was nützt es uns, zum Mond zu fliegen, wenn wir die Kluft, die uns von uns selbst und dem anderen trennt, nicht überwinden können. Das ist die wichtigste aller Entdeckungsreisen, und ohne sie sind alle übrigen nutzlos". 
 (Antoine de Saint-Exupéry
)      

Gerade in unserer Kultur,  wo Leistungsdruck, Konkurrenz- und Prestigedenken, Schein statt Sein und  Vereinzelung zunehmend in den Vordergrund treten, ist eine echte Begegnung ein Abenteuer, welches wohl zu Beginn einige "Gefahren" birgt. So lassen wir die Mauer in und um uns immer größer werden. Eine Mauer, die Schutz bieten soll, jedoch entfremdet, isoliert und einsam macht. Wir setzen Grenzen und wohnen hinter Gittern unserer Angst. Eine Scheinsicherheit, die früher oder später in sich zusammenfällt:  Das zeigt die beunruhigende Zahl an psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Wir "begegnen" einander, spüren den anderen aber oftmals nicht, weil wir den Kontakt zu uns selbst (Gefühle, Bedürfnisse) oftmals verloren haben und aus der inneren Isolation keine erfüllende Kommunikation möglich ist. So beginnt oft eine Abwärtsspirale der Frustration, Resignation, Traurigkeit, Angst, die sich entweder  im Rückzug (Depression) oder Wut (negative Aggression) äußert. Diese Gefühle sind ein wertvolles Signal, um  destruktive,  zerstörerische Verhaltensweisen zu verändern.

„Mit der Hingabe an den anderen  ist immer ein Risiko verbunden. Wir wissen nie so genau, ob das was wir zu geben haben, auch auf einen Menschen trifft, der diese Gabe annehmen kann, der offen sein kann dafür, der sich freuen kann an der Gabe, der sich dafür begeistern, der sich verändern lassen kann und  auch wieder gibt. Es ist wichtig, dass bei diesem Geben auch ein Empfänger vorhanden ist, der auf die Gabe reagiert und in diesem Reagieren eben auch wieder gibt. Wir sind sehr verletzbar, wenn unsere Gaben nicht angenommen werden, jeder von uns kennt die Situation. Wir werden vorsichtig sein mit dem uns Geben, anfangen zu sparen, uns versichern, ob der Empfänger auch ein würdiger Empfänger ist, und damit die ganze Hingabe schon von vornherein zum Scheitern bringen, denn Hingabe kann man nicht auf Raten praktizieren. Entweder lässt man sich ergreifen von der Möglichkeit, sich zu geben, und dann ist man verwundbar, damit aber transzendiert man auch das Alltägliche, oder man ist ängstlich darauf bedacht, sich nicht zu vergeben, nicht hinzugeben, und dann ist dieses ganze Überfließende, die ganze Kraft, die in der Hingabe erlebbar werden kann, eben nicht erlebbar“. (Verena Kast /Psychotherapeutin in: sich einlassen und loslassen)

Es ist ein tiefes Streben in uns Menschen, nicht einsam zu sein.
Und es gibt nur eine einzige Möglichkeit, diese Einsamkeit zu überwinden:
Indem wir von anderen Menschen wahrgenommen und verstanden werden. Die „therapeutische Beziehung“ ist deshalb eine heilsame Beziehung, weil wir wahrgenommen, verstanden und auch gefühlt werden und jemand da ist, der auf die Gabe (ein Wort, Freude, ein Schmerz, ein Lächeln etc.) reagiert.

"Wenn wir uns auf Begegnungen nicht mehr einlassen,
verlieren wir einen entscheidenden
Bestandteil unseres Lebens.
Es ist so, als würden wir aufhören zu atmen." (Martin Buber)

 Auf echte Begegnungen kommt es an – wirklich in Beziehung zu sein mit sich selbst und dem anderen. Eine liebevolle Beziehung zu sich aufzubauen, ist also Voraussetzung dafür, eine liebevolle Beziehung zum anderen aufzubauen. Solche Begegnungen, die uns seelisch berühren, geben viel Kraft, lassen uns entfalten, geben Halt, eingebettet im "Wir" statt einem "Ich".